Lasst es uns mal anders machen

Bild von Annekathrin Preidel

Alle Jahre wieder findet unmittelbar nach dem Ende der Herbsttagung der Landessynode und unmittelbar vor dem 1. Advent die Verleihung der Ehrenamtspreise der ELKB statt. Alle Jahre wieder ist dies eine Sternstunde in meinem Terminkalender und eine Sternstunde der Motivation am Ende des Kirchenjahres. An keinem Termin wird deutlicher, wie die Beschlüsse der Synode, das viele beschriebene Papier, die vielen Sitzungsstunden der Tagungen mit dem Leben in den Kirchengemeinden und Dekanaten zusammenhängen.

Wir können als Kirchenleitung noch so viel planen: erfolgreich sind wir erst dann, wenn wir mit unseren Beschlüssen Freiräume für Veränderungen vor Ort schaffen. Das Motto der diesjährigen Verleihung der vier Preise, die stellvertretend für viele andere großartige ehrenamtliche Initiativen stehen, lautete: „Lasst uns das mal anders machen!“ Gefragt waren ungewöhnliche Ideen und Projekte, die Aufbruch und Veränderung signalisieren. Gefragt waren im Jahr des Reformationsjubiläums Ideen, die der Gefahr entgegenwirken, dass das „semper reformanda“ nicht in eine belanglose Dauerschleife mündet.

Das Logo für den Ehrenamtspreis macht deutlich, dass sich die Ehrenamtlichen dabei als Trapezkünstler, Zauberer und Jongleure unserer Landeskirche verstehen. Frei zwischen Himmel und Erde schwingend vertrauen sie mutig darauf, dass unsere Kirche sich auf ihrem Weg nicht starr an das klammern muss, was es schon immer gab, sondern dass sie sich verändern darf.

Das Thema des diesjährigen Wettbewerbs um den Ehrenamtspreis passt wie maßgeschneidert zum Start der Zeitreise in die nächsten 500 Jahre der Reformation und zugleich zum Zukunftsprozess „Profil und Konzentration“ (PuK), den unsere Landeskirche auf der Frühjahrssynode dieses Jahres in Coburg beschlossen hat.

Auch uns als Kirchenleitung ist es wichtig, dass wir das Wagnis eingehen, mutig und risikobereit neue Wege auszuprobieren. Ideen dürfen umgesetzt werden! Fehler dürfen gemacht werden! Neues darf getestet werden! Auch wir wollen es also einmal anders machen und nicht von den Strukturen her die Zukunft unserer Landeskirche verändern, sondern vom Auftrag her denken! „Form follows function“ sozusagen. Es müssen unsere Inhalte und es muss unser Auftrag der Verkündigung des Evangeliums sein, aus denen Strukturen entstehen, nicht umgekehrt!

Umdenken in unserer Kirche ist also gewünscht! Und es muss honoriert werden. So stellte OKR Dr. Hübner in seinem Abteilungsbericht bei der Herbstsynode in Amberg finanzielle Anreize für verbindliche Kooperationen und Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden in Aussicht. Diese sollen – so sein Vorschlag - in Form von Zusatzpunkten bei den Schlüsselzuweisungen eingeführt werden bei der Bildung gemeinsamer Kirchenvorstände, bei der Aufstellung eines gemeinsamen Haushaltsplanes, bei strukturell sinnvoller gemeinsamer Anstellungsträgerschaft für kirchengemeindliches Personal, bei vertraglich gesicherten, nachhaltigen Kooperationen mit diakonischen Trägern, anderen christlichen Konfessionen, politischen Gemeinden oder sonstigen Institutionen (z. B. zur gemeinsamen Nutzung von Gebäuden und Räumen) sowie bei Fusionen.

Auch im Synodenbericht von KR Thomas Prieto Peral und OKR Dr. Nikolaus Blum wurde es deutlich: Mit neuen Freiräumen verändern sich gewohnte Denkmuster. Und neue Denkmuster verändern auch die Strukturmuster unserer Kirche.

Wagemut, Ausstrahlung und Orientierungskraft – das ist der Charme von PuK. Und das ist auch der Charme des ehrenamtlichen Engagements derer, die bereits im Sinne von PuK unterwegs sind.

Gleichzeitig berücksichtigt unsere Landeskirche das, was auch der Markensoziologe Oliver Errichiello rät. Er empfiehlt den Kirchen, sich auf ihren Markenkern zu konzentrieren und zu fragen, was denn heute typisch evangelisch sei. Als Antwort dürfen nicht „irgendwelche abstrakten Begriffe“ genannt werden, sondern ein „klares Handeln und Tun“. Es gehe um die Frage: „Wie erlebe ich denn heutzutage die evangelische Kirche? Was bietet sie mir?“ Für Errichiello geht es um die Kernaufgaben der Kirche, „ein Beim-Menschen-Sein, mit den Menschen arbeiten, den Menschen eine Hilfe, eine Stütze sein durch das Wort Gottes.“ „Einen Latte Macchiato“, so Errichiello, „kriege ich normalerweise in jedem Coffeeshop leckerer und besser. Da muss ich nicht unbedingt zur Kirche gehen.“

Anders gesagt: Wenn wir dem Zeitgeist hinterher eilen, dann kann der Latte Macchiato schnell zum kalten Kaffee werden. Deswegen lasst es uns mal anders machen und die Hütte Gottes unter den Menschen bauen – eine Hütte für alle Sehnsüchte, Sorgen, Hoffnungen, eine Hütte, in der diejenigen Zuflucht finden, deren Leben zerbricht, aber auch diejenigen, die Gott für das Leben loben und danken möchten. Eine Hütte, in der Gnade erfahrbar wird und in der Wege der Umkehr ihren Anfang nehmen können! Die Hütte Gottes – im Weihnachtsevangelium kommt sie als Stall von Bethlehem zur Sprache! Die Hütte Gottes, in der in aller Armseligkeit eine große und tiefe Geborgenheit sichtbar wird.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine gesegnete Adventszeit und ein frohes Weihnachtsfest!

Ihre Annekathrin Preidel